12/5/09 - Bezeugen und Übersetzen


In dem Buch Ulysse à Auschwitz (Odysseus in Auschwitz, Preis der Auschwitz-Stiftung 2005) legt François Rastier das Gesamtwerk Primo Levis neu aus, indem er seine Übersetzertätigkeit berücksichtigt, sowie seine Gedichte, die von der Kritik allzusehr vernachlässigt wurden.

(...) Für Levi, den Mann der Aufklärung nach Auschwitz, haben die oberflächlichen Themen des Unübersetzbaren und des Unsagbaren gewiß nicht die Feierlichkeit, die sie für die französische Intelligenzia haben, die von Blanchot und Bataille umgetrieben wird. Sein Vorhaben der Mitteilung und der Erziehung will sich vielmehr dem Sagbaren stellen, und damit auch dem Übersetzbaren.
    Sich nicht verständigen zu können, das ist der Tod: wer den Befehl nicht schnell genug versteht, wird sofort umgebracht. In der Bearbeitung für die Bühne von Ist das ein Mensch?hat Levi Wert darauf gelegt, dass jeder wie im Lager seine eigene Sprache spricht, damit sich der Zuschauer dem gegenübersieht, was er „die stürmische See des Nichtverstehens“ nannte, in der die Untergegangenen versanken. In seinem letzten Essai, Die Untergegangenen und die Geretteten, heißt ein wichtiges Kapitel „Sich verständigen“.
    Levi vermutet, dass er sein Überleben seinen schon professionellen Kenntnissen im Deutschen, der Sprache der Chemie, verdankt. Im Lager lernt er Jiddisch mit einem frommen Juden, den er „meinen guida“ nennt, wie auch Dantes Erzähler Vergil bezeichnet. Aber Levi lehrt darüber hinaus, und jeder sieht den rätselhaften und aufschlussreichen Mittelpunkt des Werkes in dieser Unterrichtsstunde über Dantes Italienisch, die der Erzähler in dem Kapitel „Der Gesang des Odysseus“ hält. (...)

Aus „Bezeugen und Übersetzen: Über Odysseus in Auschwitz (Gespräch zwischen Gaëtan Pégny und François Rastier, Aus dem Französischen von Rüdiger Fischer, in La Mer Gelée Ausgabe 6, Juni 2009, S. 77 — http://www.lamergelee.com).