Finnegans Liste 2012
Die Europäische Gesellschaft der Autoren veröffentlicht die zweite Finnegans Liste – eine neue Auswahl nicht ausreichend übersetzter Werke, die von zehn mehrsprachigen Autoren aus verschiedenen Ländern empfohlen wurden.
Finnegans Liste beinhaltet klassische und zeitgenössische Buchtitel in allen Sprachen Europas, nicht nur in den von der Europäischen Union offiziell anerkannten.
Das Finnegan-Projekt weist auf fehlende Übersetzungen hin und bemüht sich auch, auf bereits übersetzte Werke aufmerksam zu machen, die vom Buchmarkt, der immer auf der Suche nach Neuem ist, nicht mehr verlegt werden oder schlicht in Vergessenheit geraten sind. Literarisch bedeutende Werke, die auf lange Zeit Bestand haben, heben sich von einförmiger Massenware ab, sie stellen eine wahre Fundgrube für neue Übersetzungs- und Publikationsideen dar.
Auch dieses Jahr möchten wir uns bei allen Autoren für ihre eingereichten Vorschläge und ihre Mitarbeit herzlich bedanken.
Heute, da in ganz Europa erneut nationalistische Bestrebungen geschürt werden, ist es wichtiger denn je, anderen Sprachen und Kulturen gegenüber aufgeschlossen zu sein.
Die mehrsprachige Polyphonie der Finnegan-Liste ist ein anschaulicher Beweis dafür, dass "eine Kultur letzten Endes immer das Ergebnis all der äußeren Einflüsse ist, die sie empfängt", um einen der Autoren des diesjährigen Finnegan-Komitees zu zitieren – Juan Goytisolo.
Autorenkomitee Finnegans Liste 2012:
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Hoda Barakat
Die 1952 im Libanon geborene Hoda Barakat ist eine der außergewöhnlichsten Autorinnen der modernen arabischsprachigen Literatur. 1975 schloss sie erfolgreich ihr Studium der Französischen Literatur an der Beirut University ab. Kurz darauf ging sie für ihre Promotion nach Paris, kehrte aber aufgrund des Bürgerkrieges in ihre Heimat zurück, um dort als Lehrerin, Journalistin und Übersetzerin zu arbeiten. 1985 erschien ihr erstes Buch unter dem Titel Za'irat, eine Sammlung von Kurzgeschichten. Hoda Barakat lebt heute als freie Autorin in Paris, wo sie u.a. für einen arabischsprachigen Radiosender arbeitet.
HODA BARAKAT empfiehlt folgende Werke:
Ibn Hazm (994-1064), طوق الحمامة (Das Halsband der Taube). Übersetzt ins Deutsche, Englische, Französische, Niederländische, Litauische, Russische, Serbokroatische, Spanische und Türkische.
Bassam Hajjar, مِهَن القسوة, (Cruel Professions), Beirut-Lebanon: Dar al-Faraby, 1993. Keine Übersetzung.
Sargon Boulus, أزمة أخرى لكلب القبيلة, (Another Bone for the Tribe's Dog), Köln, Baghdad, Beirut: Al-Kamel Verlag, 2008. Keine Übersetzung.
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Mehr über "Ibn Hazm - Das Halsband der Taube"
Das Halsband der Taube oder "Von der Liebe und den Liebenden", geschrieben von Ibn Hazm, dem Universalgelehrten des 10. Jahrhunderts (994 in Córdoba geboren), verkörpert auf elegante Art das Genie des goldenen Zeitalters von Al-Andalus. Die Abhandlung, einzigartig in ihrer Form, ist eine der wenigen Schriften des Autors, die von seinen Gegnern nicht verbrannt wurde.
Komplex, subtil und erstaunlich modern aufgrund seines fabelhaften Nonkonformismus, beschreibt das Buch die verschiedenen Aspekte der Liebe: vom Alltag hin zu sufistischen Wertvorstellungen, von Zeichen, Wörtern und Gesten hin zu humanistischem und kulturellem Gedankengut, das die Menschen verbindet.
Lieben heißt wählen, also frei sein... Verbannte unserer Zeit
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Mehr über "Bassam Hajjar - Cruel Professions"
Grausame Berufe - eine Gedichtsammlung des libanesischen Schriftstellers Bassam Hajjar, der 2009 starb, ist für mich der poetische (arabische?) Ausdruck der äußersten Einsamkeit und Bedürftigkeit des Menschen angesichts des Nichts.
In seinem Zimmer, lediglich in Gesellschaft eines Kanarienvogels und unbrauchbarer Dinge - ein Fenster geht hinaus auf die Zypresse der Abwesenden - wird Hajjars Stimme fast unhörbar. Sie beschwört die Eitelkeit der Dinge herauf und beschreibt den Sinnverlust. Die Leblosigkeit der Dinge drückt bloß ihr Fehlen aus, und die Vergänglichkeit wird zur Klage über das unterbrochene Verlangen.
Kleine Schmerzen werden gepriesen, der große ist lediglich die Prophezeiung des Todes, sind wir doch alle Verbannte unserer Körper...
Dies sind unsere "Berufe".
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Mehr über "Sargon Boulus - Ein weiterer Knochen für den Hund des Stammes"
Ein weiterer Knochen für den Hund des Stammes ist eine Gedichtsammlung des Irakers Sargon Boulus, der 2007 weit entfernt von seinem Heimatland starb. Dieses Buch ist Exillyrik par excellence, in ihrer direktesten und stärksten Ausdrucksform.
Weit entfernt vom romantischen "Zauber" der von der Sehnsucht nach der ersten Heimat verklärten Erinnerung verwendet Sargon Boulus Erinnerungen wie einen unbearbeiteten Rohstoff der Lücken, eine Materie, die sich vorwärts bewegt und in einem instinktiven primitiven Urschrei explodiert... ein Schrei jedoch, der kosmische wie existenzielle Dimensionen erreicht...
Ein Gesang des freien Exilanten...
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Mehr über "Ibn Hazm - Das Halsband der Taube"
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György Dragomán
György Dragomán ist ein ungarischer Autor und Übersetzer. Sein bekanntestes Werk, Der weiße König (2005), wurde in mehr als 28 Sprachen übersetzt. György Dragomán wurde im rumänischen Târgu Mureş (Marosvásárhely)/ Transsylvanien geboren. 1988 übersiedelte seine Familie nach Ungarn. Er lebte zunächst im westungarischen Szombathely und studierte anschließend an der Budapester Universität Englisch und Philosophie. György Dragomán hat für seine Werke mehrere Literaturpreise erhalten, u.a. den Sándor-Bródy-Preis. Der Autor lebt in Budapest.
György Dragomán empfiehlt folgende Werke:
János Székely, A nyugati hadtest (The Western Corps), Budapest: Magvetö, 1982. Übersetzung ins Rumänische.
Péter Lengyel, Macskakő (Cobblestone), Budapest: Jelenkor, 1988/ Európa Könyvkiadó, 1994. Übersetzung ins Englische.
István Szilágyi, Agancsbozót (Antleshrub), Kolozsvár: Kriterion, 1990. Keine Übersetzung.
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Ein schmaler Band, der sieben zusammengehörende Kurzgeschichten enthält, die von den Erlebnissen eines jungen Fähnrichs während des Zweiten Weltkrieges erzählen. János Székelys Buch ist eine schonungslose Darstellung der Kriegsmaschinerie und ihrer Auswirkungen auf das Individuum. Ein junger Soldat, der von seiner Kompagnie grausam gefoltert wird, die Geschichte eines Lehrers, der gezwungen wird, seinen Schüler, einen Deserteur, zu exekutieren, sowie die Erzählung über einen deutschen Soldaten und seinen Hund, der die geschwächten Kriegsgefangenen, die von der sich zurückziehenden Armee zurückgelassen wurden, systematisch tötet – alle Geschichten sind sachliche Analysen einer Ethik der Niederlage, in unvergesslich starken Bildern erzählt, die zeigen, wie der Krieg sich alles und jeden formt, wie Ehre, Angst und Grausamkeit in einer entsetzlichen und unaufhaltbaren Monstrosität ineinander übergehen.
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Zunächst einmal scheint es sich lediglich um eine historische Detektivgeschichte über einen Juwelenraub in Budapest am Vorabend des 20. Jahrhunderts zu handeln, das Buch ist darüber hinaus jedoch eine umfassende Darstellung der Stadt Budapest, wie sie so nicht mehr existiert, die Stadt wird zu einem lebendigen Ort, zu einer der Hauptfiguren des Buches. Vor dem Hintergrund detailgetreuer Beschreibungen der Stadt spielt sich der dramatisch erzählte Kampf zwischen einer Gruppe von Meisterdieben und Detektiven ab, der sie letztendlich in die entlegensten Winkel Europas führen wird.
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Nach einem Unfall beim Wandern in den Bergen wacht ein Mann in einer abgelegenen Berghöhle auf. Die Höhle ist ein mysteriöser Ort, eine Art Gefängnis, eine Gruppe von Schmieden hämmert hier Schwerter, sie versuchen alte Techniken neu anzuwenden. Eine Flucht erscheint unmöglich, der Mann sieht sich gezwungen, selbst Schmied zu werden, mit der Zeit widmet auch er sich der Aufgabe, die Klinge zu schmieden – die Kopie eines japanischen Katana-Schwertes. Hierbei büßt er seine Humanität ein, besinnt sich ihrer erneut, und beginnt, die Mechanismen und Moralvorstellungen einer Gefängnisgesellschaft zu verstehen.
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Georges-Arthur Goldschmidt
Georges-Arthur Goldschmidt ist ein französischer Autor und Übersetzer. 1938 musste er aus Deutschland fliehen, zunächst nach Italien, später dann nach Frankreich. 1949 wurde er französischer Staatsbürger. Er arbeitete bis 1992 als Deutschlehrer. Georges-Arthur Goldschmidt hat unter anderem Werke von Walter Benjamin, Nietzsche, Kafka und Peter Handke übersetzt. Eines seiner bekanntesten Bücher heißt Als Freud das Meer sah, ein Essay über Sigmund Freud und die deutsche Sprache.
Georges-Arthur Goldschmidt empfiehlt folgende Werke:
Klaus Nonnenmann, Die sieben Briefe des Doktor Wambach, Olten: Walter Verlag, 1959/ Tübingen: Klöpfer & Meyer Verlag, 2007. Keine Übersetzung.Roger Martin du Gard, Le Lieutenant-Colonel de Maumort, Paris: Gallimard, 1983. Übersetzt ins Englische und Niederländische.
Louis Calaferte, Requiem des innocents (Requiem of the Innocent), Paris: Éditions Julliard, 1952. Keine Übersetzung.
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Eine scheinbar verspielte, sich mit Kleinigkeiten abgebende Erzählung, die aber zugleich heiter und nostalgisch die Wendungen und Windungen des Deutschen durchforscht, wie vielleicht sonst nur Jean-Paul.
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Ein großer "Initiationsroman" über die erotischen Entdeckungen und Verwirrungen Heranwachsender, die ihren Affekten ausgeliefert sind und vor den ersten großen Lebenserfahrungen stehen, gleichzeitig auch ein großer unvollendeter Roman über Frankreich und seine Geschichte von 1914 bis zur Befreiung 1944.
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Eine Kindheit in Armut und Elend, dem Zynismus ausgesetzt, auf der Suche nach Freundschaft und Vertrauen, die aber immer enttäuscht werden, wobei anhand einer Reihe von Geschehnissen die Ohnmacht der Kinder aufgezeigt wird, die sich selbst überlassen und der Brutalität der Erwachsenen ausgeliefert sind.
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Vassili Golovanov
Vassili Golovanov ist ein russischer Autor. Er studierte an der Moscow State University Journalismus und veröffentlichte zahlreiche Beiträge in verschiedenen Zeitschriften. Er ist der Autor mehrerer geo-poetischer Essays, die von seinen Reisen zu den Polarinseln, nach Asien und ins Wolgadelta inspiriert sind. Ostrov, ili opravdanie bessmislennikh puteshestvi (The Island or Justification of Senseless Journeys, 2002) ist der Titel einer poetischen Beschreibung von Ort und Landschaft, hier von der Insel Kolgujew. Ein anderes Buch des Autors, Tachanki s Yuga (Tachankas of the South, 1997), ist eine Recherchearbeit über die Machno-Bewegung, die Arbeit wurde von der Zeitung Nezavisimaia gazeta 1997 als bestes historisches Buch ausgezeichnet.
Vassili Golovaniv empfiehlt folgende Werke:
Vladislav Otroshenko, Персона вне достоверности (A Non-Credible Person), Moscow: Kolibri, 2010. Übersetzung ins Englische und Italienische.
Andrei Baldin, Протяжение точки (The Extension of the Full Stop), Moscow: Publisher 1 September, 2009. Übersetzung ins Französische.
Vassili Nalimov, Спонтанность сознания. Вероятностная теория смыслов и смысловая архитектоника личности (Spontaneität des Bewusstseins: Wahrscheinlichkeitstheorie der Bedeutungen und Bedeutungsarchitektonik der Persönlichkeit), Moscow: Prometheï, 1989. Übersetzung ins Englische (nicht veröffentlicht) und Deutsche.
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1. Andrei Baldin, The Extension of the Full Stop
For someone who is not a professional critic, it is difficult to explain exactly why one likes one book or another. The Extension of the Full Stop is a line. A route. A journey. Andrei Baldin has written the journey of the Russian word, a journey that began with Karamzin (who brought the new Russian word out of Europe) and which Pushkin continued. Pushkin travelled the whole of the Russia of his day, visiting the North and the South and the East, getting as far as Orenburg. He planned to visit Kamchatka, he even planned to visit China—but his plans remained unfulfilled. In that case, what was achieved? An astonishing thing: Russia now exists as far as Orenburg, this place that was brought to the public by Pushkin’s word. What is more, to the east of Orenburg there is no Russia—there is only Siberia, even taking into account the subsequent vast developments there, the appearance of different types of people with different gifts, up to and including writers. We recall a heroic effort of Chekhov’s: to travel the whole length of the country from the west to the east and to write something about it. The failure of this attempt is both surprising and indicative. Siberia could be nothing apart from ‘Siberia’. Tolstoy packaged together the unbelievable confrontation between Europe (represented by Napoleon) and the world (Russia-as-the-world) and showed how this world demanded a foreign invasion. In particular, the Moscow that was ‘burnt in the fire’: an extremely domestic world, in those years very comfortable, provincial… A nest that was burnt up and destroyed. A place where normal people, menials, simple folk lived; nobody could imagine any opposition to Napoleon coming from here—but even so this ruined town became Napoleon’s ultimate downfall. Why? This question involves extremely subtle twists and turns, movements as the point (the full stop) is stretched into a line. No one has ever written about Russian history and the Russian landscape like Baldin, so accurately, with such attention, from a vantage point that previously would have been unthinkable, unimaginable. Where is this vantage point? Right there, in the paper landscape of the text: all you need is to be an extremely gifted reader and not be too lazy to compare your ‘literary’ discoveries with the actual map. Then expanses of space appear (or do not appear) alongside the individual languages that describe them; fateful ‘holes’ are revealed in this dumb, yawning expanse that is Russia and Russian history, but which has never become a landscape of the word. No one has looked at Russian history in the way Andrei Baldin has.
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Vladislav Otroshenko, A Non-Credible Person
If Russian classical literature has its inheritors, then Vlad Otroshenko must be named first among them: say he takes infinite pains with his work, and you haven’t said the half of it. The word is there, sunny, joyful, overflowing, fresher than ever, heady, cheerful: he himself is a Don Cossack, one of those Venetians or Genoese who set up their outposts on that river, the Tanais, right on the boundary between Europe and Asia. At first sight, it seems that he doesn’t think about how he writes. This is an illusion (or a mishearing?—it all depends how one experiences a text). Otroshenko is a deep writer, a wise writer (more than once reviewers have compared him to García Márquez, and maybe this comparison is correct as far as the ‘taste’ of his work is concerned—the way in which he plunges himself and the reader into the story—as well as for that organic ‘life wisdom’ which people take from his texts). But this wisdom is nowhere insisted upon. It is as if the writer is enjoying his writing and his joy is transmitted to us, the readers. He enjoys the old Cossack world in which he grew up (see the cycles Greatgrandfather Grisha’s Courtyard and Notes on a Photograph Album); he enjoys the possibilities that arise when one takes as one’s subjects certain disagreements about Gogol’s fate (Gogoliad); finally, he is openly intoxicated by the possibility of imagining how the few lines of Catullus that we have came down to us… Russian literature has counted many little-known and even fully obscure names among those who aspire to be its prophets. But not since the days of the happy nineteenth century has it seen a writer who is so wise, so direct, so filled with the primordial joy of creation, that the massive obelisks surmounting his fellow writers (oh, all those bearded profiles!) have no effect on him whatsoever… -
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Vasily Nalimov, Spontaneity of Consciousness: Probabilistic Theory of Meanings and Semantic Architectonics of Personality
It seems improbable that in Soviet Russia a philosopher could survive without being in the least shaken by Marxist ideas, especially one who also tried to synthesise within himself the whole of Western academic thought. One would imagine that for this he would have to pass through a very different ‘school’ from that of the zealous Soviet philosophers: participation in mystico-anarchist circles, for example, followed by in-depth study of mathematical and evangelical texts, arrest, prison, Kolyma. Then, I don’t know, work on the mathematical theory of experimentation, a study of the psychology of schizophrenia, experimental meditation with artists… Yes, such a life is surely impossible! And yet, it took place! I am talking about Vasily Vasilievich Nalimov. Now that two of his books have already appeared in Europe—I was thinking only of Les Mathématiques de l’Inconscient (Paris, Ed. Du Rocher 1996), but now one has also to add The Spontaneity of Consciousness, translated by Manfred Bonitz and published by Trafo Wissenschaftsverlag as Spontaneität des Bewusstseins (2010) — it is finally possible to talk about this man’s immense gifts. It is the case, almost, that he gave Russia modern philosophical thought, after all her philosophical libraries and institutes were destroyed… Did the country understand this? I doubt it. I knew V.V. personally, spent a year preparing his website, and I suggest that Nalimov’s true achievements (for the intellectual life of both Russia and of Europe) will lie in the future. The basis of his thought was the conceptual field (which has always existed, like mathematical constants), that each individual, each generation, even each culture, has to ‘unpack’, revealing these concepts once again, looking at them through the filters of perception, the demands of the age, traditions, conditions… From this derived his ideas about the lies that are described as ‘eternal truths’, about traditional religions, about the incapacity of science to solve the problems of everyday life, about the crisis of contemporary mechanized and capitalist society. Nalimov considered his own favourite work to be The Spontaneity of Consciousness. This is a book about the different scales on which a personality exists, which display themselves and realize themselves in the conceptual field, all of which make the field’s subject (the individual) fluid and changeable. It is a book about the secret of creation—its inexplicable, essential, elemental, spontaneous nature. What is more, it is a book about the mysterious capacities of the individual, such as widening one’s consciousness via meditation or under the influence of psychoactive substances, or else out-of-body experiences, connection with the Cosmos… But notwithstanding the fact that V.V. Nalimov’s foundational work has now been translated into German and therefore is available to Europe, I cannot confirm his preference on my own account and will remain as before a supporter of Nalimov’s book of philosophical essays The Reality of the Unreal (published in French as Les Mathématiques de l’Inconscient) in which the author’s position is set out in a brief, focused and multifaceted shape. Trust me, reader, that summarizing in a sentence the contents of even one ever-so-slightly serious book is not a simple task. But this probabilistic understanding of the world that V.V. Nalimov has given to me is truly the thing that helps me to live here (in Russia) and now. Therefore, if in writing about V.V. Nalimov I have managed to touch you even slightly, please include The Reality of the Unreal in your list. Although I would suggest that it has already included itself.
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Juan Goytisolo
Juan Goytisolo ist einer der bekanntesten spanischen Autoren. Nach einem Jurastudium veröffentlichte er 1954 seinen ersten Roman - Juegos de manos. Eines seiner bekanntesten Werke, Identitätszeichen, war, wie alle seine Bücher, in Spanien bis zum Tode Francos verboten. 1956 ging Juan Goytisolo ins Exil nach Frankreich, wo er als Lektor für den renommierten Gallimard-Verlag arbeitete. Momentan lebt der Autor zurückgezogen in Marrakech. Juan Goytisolo hat für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, so den Nelly- Sachs- und den Octavio-Paz-Preis.
Juan Goytisolo empfiehlt folgende Werke:
Juan Francesco Ferré, Providence (Providence), Barcelona: Anagrama, 2009. Übersetzung ins Französische.
Javier Pastor, Mate Jaque (Mate Check), Barcelona: Random House Mondadori, 2009. Übersetzung ins Französische.
José María Pérez Álvarez, La soledad de las vocales (The Solitude of Vowels), Barcelona: Bruguera/ International Editors’ Co., 2008. Keine Übersetzung.
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Für diejenigen, für die das Lesen ein – dem Schreiben nicht unähnliches – Eintauchen in das Unbekannte ist, ist der jüngste Roman von Juan Francisco Ferré ein wahres Geschenk: der Adressat des Romans kommt aus den Überraschungen nicht heraus, er macht kehrt um sicher zu gehen, dass er nicht vom Weg abgekommen ist, und beginnt die anregende Strecke wieder von vorn abzugehen. Alles ist zugleich real und unwahrscheinlich, eine Reise, die ihn unmerklich in eine halluzinierte ritualisierte Welt führt. Diesen Roman zusammenzufassen heißt, ihn zu verraten. Ausgehend von einer gewöhnlichen Situation, der eines spanischen Filmemachers namens Álex Franco, dem eine französische Produzentin namens Delphine ein Drehbuch mit dem Titel Providence anvertraut, damit er daraus einen Film macht, verzweigt sich die Erzählung, entwickelt mehrere Erzählstränge und schildert neue und riskante Unternehmungen. Francos Aufenthalt in der nordamerikanischen Stadt, die als Anregung für den schönen Film von Alain Resnais diente, entwickelt sich auf Ebenen, die einander widersprechen und zugleich ergänzen. Seine fruchtlosen Vorlesungen an der Universität, das Filmprojekt, das immer weiter weg rückt von ihm wie eine Fata Morgana, seine zufälligen Begegnungen mit Personen aus verschiedenen literarischen Codes – von dem der Schauerromane mit geheimnisvollen Personen und undurchschaubaren Verschwörungen bis hin zu dem des erotischen Romans, verkörpert von Frauen, die in den ungewöhnlichsten Umständen nach Sex hungern – verwandeln nach und nach die Welt der Universität und des Films, die immer aus ironischer Sicht geschildert werden, in eine Welt des Scheins, erzeugt von den Medien, in der der Terror zu einer rentablen Ware wird.
Als guter Kenner der literarischen Moderne des vergangenen Jahrhunderts verbindet Juan Francisco Ferré seine umfassenden Lektüren von Cervantes und Joyce mit seinem fachmännischen Wissen über die Allgegenwart des Cyberspace, in dem wir heute leben. Genauso wie Film und Fernsehen im vergangenen Jahrhundert auf die Entwicklung des Romans Einfluss nahmen – sei es, indem sie ihn degradierten und ihn ihren eigenen Konventionen unterwarfen, wie dies bei den faulen und mittelmäßigen Romanschriftstellern der Fall war, sei es, indem sie einen ganz neuen und nicht trivialen Bereich schufen wie den der Fernsehserien oder der historischen Serien –, genauso beeinflussen heute das Internet und seine Ableger seine gegenwärtige Entwicklung in dem Maß, in dem sie unsere Wahrnehmung des Wirklichen und des Virtuellen modifizieren, den Unterschied zwischen den beiden verringern und das Verständnis unserer alltäglichen Umwelt ändern. Mit ätzendem Humor lässt der Autor von Providence vor uns eine Galerie von Figuren vorüberziehen, die auf den verschiedenen Ebenen des Buches agieren: Terroristen, sektiererische Verschwörer, lächerliche und eingebildete Universitätsprofessoren und Vamps aus dem Hollywood des vergangenen Jahrhunderts. Wenn unser äußerst kreativer Autor in sein Meisterwerk Motive aus den Ritterromanen einfließen fließt, etwa maurische, byzantinische, bukolische usw., um sie zu parodieren und auf ihren Ruinen seine eigenen zu errichten, so kompiliert Juan Francisco Ferré, dieser aufmerksame Leser von Cervantes, in Providence auch die zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen wie den Film, das Fernsehen, das allesfressende Netz und die Mythen und trügerischen Verheißungen der nordamerikanischen kulturellen Utopie, um sie in seinem Mixer zu vermengen und zu pürieren. Die ikonischen Figuren der Pop Art und der Hip Hop, die apokalyptischen und visionären Blogger besetzen denselben Raum wie die literarischen Bezugnahmen auf Vergangenes. Das Hohe und das Niedere, das Dauernde und das Kurzlebige verschmelzen in ein und demselben kompakten Teig, der von den beweglichen Messern seiner unerbittlichen Häckselmaschine erzeugt wird. Alles findet in ihm Platz aufgrund eines subversiven Nivellierungswillens, für den Beethoven genauso viel wert ist wie irgendein Rocker aus Los Angeles oder Jamaica.
Der unerschütterliche und immer verwirrte Álex Franco kommt nur ruckweise voran wie Don Quijote, von einer Erzählebene zur anderen, von der Dulcinea, die sich fröhlich vor ihm auszieht zu den Verzögerungen und schließlich zum Scheitern seines verschwimmenden Filmprojektes. Der Leser, der immer ein solcher bleibt, verwandelt sich auch in einen Zuschauer und einen Internauten. Er wandert durch den Cyberspace und entdeckt den trügerischen Charakter dessen, was uns als Wirklichkeit verkauft wird. Die nordamerikanische Utopie, die in den Technologien der letzten fünfzehn Jahre Gestalt annimmt, mündet in den Terror, der auf 9/11 folgt: den eines gespenstischen Feindes ohne Armee, aber gerüstet mit einem verheerenden Zerstörungswillen, der keine Grenzen kennt und dessen Waffen die Wirklichkeit und der Alptraum gleichzeitig sind.
Dank dieser Synthese verschiedener Ebenen aus Literatur, Film, Fernsehen, Musik und Cyberspace erzeugt Providence eine Genealogie mit einer Vielfalt heterogener und vermischter Wurzeln. Es handelt sich um einen Roman des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der sich an Leserinnen und Leser wendet, die fähig sind, den Zugang zum literarischen Bereich wie ein anregendes Eintauchen in ungewöhnliche Regionen zu denken, in denen uns der Verfasser des Werks immer wieder überrascht und zum Lachen bringt. Wie eine Handvoll von jungen Romanschriftstellern, die ich bewundere, hat auch der Autor von Providence mutig den literarischen Text gewählt, und nicht den billigen Erfolg und das Echo in den Medien, das ein verlegischer Coup bringen kann: eine Entscheidung, die ihn ehrt und den Beifall vonseiten derjenigen verdient, die die zeitlose, über die Jahrhunderte fortdauernde Moderne im weitläufigen und komplexen Gebiet der in spanischer Sprache geschriebenen Literatur verteidigen.
Übersetzung: Dieter Hornig
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Mehr über "Javier Pastor - Mate jaque"
Juan Goytisolo über Mate jaque (Matt Schach)
Wir sind in einem Badeort am Meer, der im Lauf der hundert Seiten des Romans immer mehr verfällt und immer menschenleerer wird, und hören den Monolog eines namenlosen Mannes (in dem Roman kommt kein einziger Name vor), der über das Scheitern seines Lebens und seiner Karriere grübelt, ein Scheitern, das er seiner unglücklichen Beziehung zu einer Frau zuschreibt, der ehemaligen Direktorin einer Privatklinik, die von der Idee besessen ist, Mutter zu werden und einen Sohn von ihm zu bekommen. Die Demütigung, die er darüber empfindet, dass seine Zeugungskraft auf die Probe gestellt wird – er fürchtet, das zeugungsfähige Alter hinter sich zu haben –, verstärkt seinen Groll: „Kein Schmerz auf der Welt ist mit dem vergleichbar, den sich zwei Liebende gegenseitig zufügen können“, „Vater sein ist von einer irrsinnigen Vulgarität“ usw. In getrennten Betten schlafen und auf der Tastatur seiner Schreibmaschine das Geräusch eines ratternden Maschinengewehrs zu erzeugen, um seiner Gefährtin auf die Nerven zu gehen – er ist nämlich Schriftsteller –, sind Teil seiner aggressiven Strategie angesichts der gegenseitigen Unfähigkeit, miteinander zu reden: „Ich kann nichts sagen, ohne dass sie sich angegriffen fühlt, sie kann nichts sagen, ohne dass ich sofort meine Gegenoffensive organisiere; wir hassen einander den größten Teil des Tages (und der Nacht).“ Zusammen zu leben, so meint er (er war schon zweimal verheiratet vor diesem katastrophalen dritten Mal), hebt die Individualität der Bestandteile des Paares auf und steckt es mit einer Mischung aus Hass und Frustration an.
Der Gast dieses Badeortes oder vielmehr dieser Residenz für ältere Patienten und Senioren, der zuviel trinkt und heimlich Joints raucht, erhält eines Tages den Besuch einer schönen jungen Rothaarigen, die ihn vertraut duzt, sich für seine Gesundheit interessiert und einen heftigen inneren Aufruhr in ihm auslöst, als sie ihn Papa nennt.
Um seine Einsamkeit und seine Insichversunkenheit zu lindern, lädt ihn der maître d’hôtel der Anstalt zu einer Schachpartie ein. Sein Schachmatt, sagt ihm dieser zum Abschluss, reproduziert Zug für Zug die Partie, die Madame de Rémusat und Napoleon im Jahr 1802 gespielt hatten. Wir sind auf Seite 50 des Romans, genau an der Nahtstelle der zwei Hälften des Buches. Unmerklich wechseln wir zu einer anderen Partie mit einem Matt Schach über, in der der maître die Rolle von Napo oder Léon übernimmt und sie (und nicht er) die von Madame de Rémusat: auf das „Gestatten Sie, Madame“, des maître d’hôtel folgt nun ein „ich habe absolut nichts dagegen, Sie Napo zu nennen, antwortete ich ihm und wehte mir mit dem Fächer ein wenig Kühle zu“. Wie in einem Zaubertrick hat der Erzähler die Erzählung plötzlich umgedreht: von nun an hören wir die Stimme oder lesen die Gedanken einer Frau.
Wer ist sie? Ihr innerer Monolog oder ihr zögerndes Sprechen verhalten sich symmetrisch zu den Aussagen der männlichen Figur, die wir bereits kennen. Sie ist die ehemalige Direktorin einer Luxusklinik, aus der sie wegen ihrer unmäßigen Trinksucht entlassen wurde, und schildert bruchstückhaft die Allergie, die ihr hartnäckiger Wunsch, Mutter zu werden, in ihrer Ehe ausgelöst hat, ihre regelmäßigen Barbesuche sowie den Verfall und Untergang des Badeortes, in den sie sich ohne jede Aussicht auf Rettung eingesperrt fühlt. Der unerwartete Besuch eines jungen Rothaarigen, der eine warme Unmittelbarkeit ausstrahlt – er duzt sie und küsst sie – und sie verliebt anlächelt, lässt sie an Liebe auf den ersten Blick glauben. Doch als sie instinktiv seine Lippen sucht, ertönt der entsetzte Schrei „aber Mama!“, der dem Idyll ein jähes Ende setzt. Von dieser Szene an – einer Replik der Szene ihres ehemaligen Partners mit der Rothaarigen – veranlassen sie kurze Momente der Klarheit zu der Frage, ob sie nicht im Begriff steht, in den Wahn abzugleiten, ob sie nicht wahnsinnig zu werden anfängt, ob sie nicht eine Kranke ist, umringt von Kranken im gleichen Zustand?
Der Verfall des Badeortes, der zu einem Seniorenheim geworden ist, und ihr Schlafrock aus grauer Baumwolle, den die Direktion der Anstalt allen Patienten aufgezwungen hat, steigern nur noch ihren Pessimismus ihr selbst gegenüber und gegenüber ihrer Umgebung. Auf ihren Spaziergängen im Garten trifft sie, die Madame de Rémusat der Schachpartie, einen gealterten und gebeugten Napo: „Man darf den Feind nicht aufhalten, wenn er einen Fehler begeht“, flüstert er ihr zu. Worauf sie ihm antwortet: „Man muss den Glauben an die Vernichtung des anderen aufrecht erhalten.“ Die Koexistenz des Hasses in diesem Paar, das an seniler Demenz leidet (der Autor sagt es nicht, aber der Leser begreift es), findet ihre Lösung, wenn sie gleichzeitig das Irrenhaus verlassen. Ihre jeweiligen Angehörigen, der junge Rothaarige und die junge Rothaarige, holen sie ab und verschmelzen dank der Kunst des Romanschriftstellers: „Während sie mich küsste, hat sie „hallo Papa“ gemurmelt. Als er mich geküsst hat, hat er „hallo Mama“ gemurmelt.“ Die beiden Teile der Erzählung, durch die Nahtstelle in der Mitte getrennt, kommen zur Deckung. Das Buch ist zu Ende.
Mate Jaque entwickelt geschickt die Handlung, die ich soeben zusammengefasst habe. Der Autor beschreibt die Figuren nicht: sie gehen im Strom ihrer Monologe unter wie Schiffbrüchige. Dem Leser – oder vielmehr dem Wiederleser – ist die Aufgabe überlassen, sie zu retten. Der literarische Vorsatz von Javier Pastor ist der eines Virtuosen, der seine Kunst und seine Kunstfertigkeit vor denen verbirgt, für die das Lesen ein Ausflug in ein unbekanntes Gebiet ist: nicht in das des Abenteuerromans, sondern das der Abenteuer des Romans.
Der Hass, den Er und Sie ausstrahlen – der eigentliche Stoff des Buches – erinnert mich an den genialen Satz eines meiner Freunde: „Das Paar ist die erste terroristische Zelle auf der Welt.“ Mate Jaque verwandelt diese pessimistische Behauptung in eine stimulierende künstlerische Schöpfung.
Übersetzung: Dieter Hornig
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Mehr über "José María Pérez Álvarez - La soledad de las vocales"
Juan Goytisolo über La soledad de las vocales (Die Einsamkeit der Selbstlaute) von José Maria Pérez Álvarez
Vor fünf Jahren hat die Lektüre von Nembrot (DVD Ediciones) von José María Pérez Álvarez, auf die Empfehlung eines befreundeten Dichters hin, mich stark beeindruckt. Das Werk enthielt keines der Bestandteile der üblichen Romane: weder leicht gezeichnete Figuren, noch eine vorsehbare Handlung, noch eine bis zum Ende aufrecht erhaltene Spannung. Ich stand vor einem originellen, dichten und komplexen Text über die Liebesbeziehung und die mangelnde Kommunikation zwischen zwei Männern, der nichts mit der wohlbekannten Thematik der Schwulenliteratur zu tun hat. Der gescheiterte und hypochondrische Horacio Oureiro und der mythomanische und faszinierende Schreiberling und Plagiator Balt erleben das langsame Verfließen der Zeit in einer tristen Pension in Pleamar in einer grauen, nebligen und verregneten Umgebung, die dann in den nachfolgenden Romanen des Autor wieder auftreten wird, in Cabo de Hornos (ebenfalls DVD Ediciones) und in dem, den wir hier besprechen. Das Scheitern, die Bitterkeit und die unmögliche Liebe der Figuren scheinen sich auf einer Grabinschrift auf diesem ungastlichen Finisterra niederzuschlagen: „ Der Tod ist das einzige Erbe, das der Mensch erhält und weitergibt.“ Die Schönheit erwächst aus der Trostlosigkeit.
Nembrot, von einem kleinen, aber weitsichtigen Verleger publiziert und von einem Autor aus der Provinz ohne Verbindungen zu den Zentren der literarischen und medialen Macht geschrieben, wurde praktisch nicht wahrgenommen, außer von einer Handvoll von anspruchsvollen Lesern oder, besser gesagt, Wiederlesern. Auch die Kritik schenkte ihm keinerlei Beachtung und folgte dabei ihrer Anti-Gide-Maxime: was nicht auf den ersten Blick verständlich ist, ist uninteressant. Der kürzlich diesem Roman von dem einzigen Jurymitglied Esther Tusquets verliehene Preis Bruguera wird es vielleicht schaffen, die Aufmerksamkeit auf La soledad de las vocales zu lenken, den jüngsten und gelungenen Roman von Pérez Álvarez (geboren in O Barco de Valedoras im Jahr 1952).
Der Pessimismus, der Alkohol, das Altern und die innere Überzeugung, Opfer „feindlicher Biographien“ zu sein, sind der gemeinsame Nenner der Gäste dieser heruntergekommenen Pension Lausana, die der Schauplatz der Handlung ist und deren Leuchtbuchstaben einer nach dem anderen erlöschen, ohne dass der niedergeschlagene Besitzer daran denkt, sie zu ersetzen. Die letzten Vokale und Konsonanten der Leuchtschrift glänzen hilflos und einsam in der Nacht. Eine Hilflosigkeit und Einsamkeit, die von den Kunden geteilt wird, die in dem Dutzend schmutziger und verlassener Zimmer wohnt; Nummer 2, wo die frühere Olympia-Schwimmerin wohnt, die in der trügerischen Erinnerung an alte Liebschaften und Medaillen lebt; Zimmer Nummer 7, wo der serbische Tapezierer wohnt, der vor den Massakern und ethnischen Säuberungen seiner Landsleute flieht; Zimmer Nummer 8, das ständig abgesperrt ist und in dem der Wind weht und stöhnt wie das Gespenst einer eingeschlossenen Frau; Zimmer Nummer 4, wo der Pariser Maler lebt, den der Schiffbruch seiner ehrgeizigen Karriere umtreibt; Zimmer Nummer 6, das des Schriftstellers, der Joyce, Selby und Kafka liest, reich und berühmt werden und den Nobelpreis gewinnen will, um seine Eltern aus der zermürbenden Armut zu retten; Zimmer Nummer 9 schließlich, das des namenlosen Kunden, dessen sich wellenartig wiederholender Monolog dieses Buch bildet.
Es gibt ein literarisches Gehör ganz so wie es ein musikalisches Gehör gibt. José María Pérez Álvarez besitzt beide. Die Sätze seines Monologs greifen ineinander, sie erzeugen eine Prosodie und einen Rhythmus mit ausgeklügelten harmonischen und symphonischen Variationen, sie schaffen einen Chor von obsessiven und beinahe erstickenden Stimmen und Tönen, der den Leser und Hörer einfängt und fesselt. Die zugleich literarischen und musikalischen Motive werden vom Anfang bis zum Ende des Buches wiederholt: Erinnerungsfetzen eines konfusen Geistes mit vielen Gedächtnislücken, Claudia Chauchat aus dem Schweizer Sanatorium von Thomas Mann, der Spazierstock von Joyce, Milena und Brel, der Hut, den Humphrey Bogart auf den Kleiderständer wirft, Franz Dertod aus Cabo de Hornos, der von Nazis getötet wurde, die Frau, die sich 1980 in der Pension umgebracht hat, der riesige Schwarze Balthazar, der zukünftige Chauffeur des Schriftstellers von Zimmer Nummer 6, der wie durch ein Wunder reich geworden ist. Die Phantasmen des alkoholischen Erzählers, der nach und nach untergeht und verfault in einem dreckigen Zimmer voll von lächerlichen Erinnerungen, drehen sich um eine unmögliche Liebe mit schlanken olympischen Erzählerinnen, um Frauen, die er flüchtig im Waggon eines Zuges erblickt hat, um die misshandelte Prostituierte, die ihn einmal in sein Zimmer begleitet hat, um die Erinnerung an die Höschen einer Krankenschwester, die Mitleid mit ihm hatte und sie ihm schenkte, damit er an ihnen riechen und sich weniger einsam fühlen könne in dem Spital, in dem er sich von seiner Vergiftung erholte, die gepantschter Cognac ausgelöst hatte.
Verlassene Bahnhöfe, öffentliche Parkbänke mit Säufern und Bettlern und in Container geworfene Flaschen wechseln im Erzählfluss ab mit Bildern von Paris, verlorenen Illusionen und geträumten Reisen, und all das geht unter in Runden und noch mehr Runden von Bier und Alkohol. Schäbige Pensionen, Bordelle, Müllwagen, künstliche Kiefer, Wirtshäuser und Kirchen mit toten und blassen Christusfiguren gehen ineinander über und überlagern sich in der Stimme des Losers, der sein Recht in Anspruch nimmt, „keinem Land anzugehören, unter keiner Fahne zu kämpfen und nicht aufzustehen, wenn irgendeine Hymne gespielt wird“: die Stimme eines Heimatlosen, eines Apostaten und Alkoholikers, das Triple A seines Standes als nihilistischer und selbstzerstörerischer Abfall, der sich nicht mehr wiederverwerten lässt.
Der luzide Pessimismus desjenigen, der weiß, dass „der Tod das einzige Erbe ist, das der Mensch erhält und weitergibt“, des Bewohners einer unwiderruflich zur Auslöschung bestimmten Welt, durchtränkt La soledad de las vocales und klingt nachhaltig in unseren Ohren. José María Pérez Álvarez vermittelt ihn uns mit schönen und treffenden Worten, mit der anspruchsvollen Meisterschaft des wahren Schriftstellers.
Übersetzung: Dieter Hornig
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Yannis Kiourtsakis
Yannis Kiourtsakis, Schriftsteller und Übersetzer, wurde 1941 in Athen geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Paris, wo er mehr als zehn Jahre lang lebte. Σαν μυθιστόρημα (Like a Novel), sein bekanntestes Werk, erschien 1995 in Griechenland und erhielt mehrere Auszeichnungen. Das Buch wurde ins Italienische übersetzt (Come un romanzo) sowie ins Französische, dort erschien das Buch unter dem Titel Le Dicôlon. Es ist der erste Teil einer Trilogie, die beiden anderen Bände heißen Wir, die Anderen und Das Buch von Werk und Zeit. Yannis Kiourtsakis' Arbeit ist eine fortwährende Suche nach Griechenland und Europa, es geht um Identitätsfragen und das Anderssein.
Yannis Kiourtsakis empfiehlt folgende Werke:
Dionysios Solomos (1798-1857), H γυναίκα της Ζάκυνθος (Die Frau von Zakynthos). Übersetzung ins Deutsche, Englische, Französische, Italienische und Ungarische. Ο Κρητικός (Der Kreter), Οι Ελεύθεροι Πολιορκημένοι (Die Freien Belagerten) & Ο Πόρφυρας (Porfyras – Der Hai). Übersetzung ins Deutsche und Englische.
Alexandros Papadiamantis (1851-1911), Ο Έρωτας στα χιόνια (Eine Liebe im Schnee). Übersetzung ins Deutsche, Englische und Französische. Ολόγυρα στη λίμνη (Around the Lagoon). Übersetzung ins Englische und Französische.
Yannis Beratis, Το πλατύ ποτάμι (The Broad River, 1946-47), Athens: Publisher Ermis, 1973/2002. Keine Übersetzung.
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Διονύσιος Σολωμός (Dionysios Solomos)(1798-1857) 'Απαντα, Τόμοι πρώτος και δεύτερος, Αθήνα Ίκαρος (Gesamtwerk)
Der Lebenslauf von Dionysios Solomos, dem Begründer der traditionellen Poesie des freien Griechenlands, weist einige Paradoxe auf: auf Italienisch erzogen (er hat alle seine Studien in Italien absolviert) und auf Italienisch dichtend, hat der Autor erst spät die Sprache seines Heimatlandes angenommen, wobei er sich von griechischen Volksliedern und der Literatur der kretischen Renaissance (16. - 17. Jahrhundert) inspirieren ließ.
Auf der Insel Zakynthos geboren und auf Korfu gestorben (Ionische Inseln), hat Dionysios Solomos niemals das griechische Festland betreten, die sublimierte Idee desselben findet sich jedoch in allen seinen Werken. Beeinflusst vom deutschen Idealismus (Kant, Hegel, Schelling, Schiller), versteht er das Gedicht als einen »grundlegenden Rhythmus - eine Idee«, dessen »sensible Form [...] seine Kreise nach und nach ausbreitet«.
Im heutigen Europa so gut wie unbekannt, in Griechenland verehrt – hauptsächlich jedoch für seine frühen Werken, vor allem für die Hymne an die Freiheit, deren erste zwei Strophen zur Nationalhymne Griechenlands geworden sind – bleibt er einer der großen Einzelgänger, dessen reife Werke einen Höhepunkt der Dichtkunst darstellen, sie verbinden heimatliche Gefühle und ein Naturempfinden, die zu universellen Werten werden. Dies macht die überwältigende Schönheit vieler seiner Strophen und Verse aus, in ihnen erreicht die ästhetische und ethische Vision des Dichters ihren Höhepunkt, gleichzeitig behält das Werk einen verwirrenden und fragmentarischen Charakter, Dionysios Solomos konnte - oder wollte - es nicht vollenden.
Ich empfehle folgende Werke:
H γυναίκα της Ζάκυνθος (Die Frau von Zakynthos) ist ein poetisches Prosawerk mit prophetischen Akzenten, die an die Apokalypse erinnern.
Ο Κρητικός (Der Kreter), narrative und dramatische Poesie, erfüllt von der Ekstase der Natur.
Οι Ελεύθεροι Πολιορκημένοι (Die Freien Belagerten) erinnert an die dramatischen Ereignisse während der Belagerung der Stadt Mesolongi. Die Freien Belagerten ist eines seiner wichtigsten Werke, er hat mehr als zwanzig Jahre daran gearbeitet, es existieren drei unvollendete Fassungen, sowie Fragmente und einzelne Verse.
Ο Πόρφυρας (Porfyras) erzählt poetisch von einer lokalen Begebenheit: ein junger englischer Soldat wird beim Baden im Hafen von Korfu von einem Hai getötet. Das Gedicht betont die ethische Überlegenheit des Menschen gegenüber der zerstörerischen Allmacht des Universums.
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Αλεξάνδρος Παπαδιαμάντης (Alexandros Papadiamantis) (1851-1911)
Alexandros Papadiamantis, geboren auf Skiathos, einer kleinen Insel im Norden der Ägäis, Zeit seines Lebens der griechisch-orthodoxen Tradition verbunden (er war der Sohn eines Popen), hat als Übersetzer für eine Athener Zeitschrift die gesamte europäische Literatur "bereist". Der Autor von vier Romanen und 160 Novellen, ohne jeglichen Kontakt zu den literarischen Kreisen seines Heimatlandes (seine Werke wurden nur teilweise in Zeitschriften veröffentlicht), war sein ganzes Leben lang von der Sehnsucht nach seiner Heimatinsel besessen. Er hat Skiathos in keinem seiner Werke idealisiert – beschreibt aber mit ergreifender Ehrlichkeit das alltägliche Elend –, die Insel ist jedoch Schauplatz und Protagonist fast aller seiner Erzählungen.
Papadiamantis zeichnet keine Sittenbilder, vielmehr beschreibt er einen lebendigen und kontrastreichen Mikrokosmos: die unbeschreibliche Schönheit der Landschaften (man findet bei Papadiamantis unglaubliche Naturschilderungen, geprägt von einer heidnischen, quasi pantheistischen Überschwänglichkeit), die kleinen über das Land verstreuten Kapellen, und vor allem seine originellen Protagonisten – Schäfer, Seeleute, Popen, junge Mädchen, alte Frauen, Händler und Wirtsleute – werden für den Leser zu einem griechischen Makrokosmos und damit zu einer Abbildung des menschlichen Universums.
Von der Mehrzahl der griechischen Literaturkritiker als "Heiliger der griechischen Literatur" angesehen, hat er durch seine unvergleichliche Erzählkunst den Status eines großen europäischen Autors gewonnen.
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Der Autor, der sich nach dem Überfall Mussolinis auf Griechenland (im Oktober 1940) freiwillig zum Dienst in der griechischen Armee meldete, erzählt in diesem Buch den von ihm selbst erlebten Konflikt in den Bergen Albaniens in einem sachlichen und nüchternen Erzählstil. Weit entfernt von jeglicher nationalistischen Emphase, beschreibt Yannis Beratis in einem einfachen Ton - Ergebnis hartnäckiger Arbeit und meisterhaften Könnens - mit tief empfundener Humanität das Leben der Menschen im Krieg. Er zeichnet ein ergreifendes Bild vom Ethos des griechischen Volkes, dessen guten wie schlechten Seiten in diesem Verteidigungskrieg, der ein Moment großer kollektiver Verbundenheit in der griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts war. Aber das Buch ist mehr als das. Dank seiner Fähigkeit, in kurzen prägnanten Sätzen das Erlebte zu beschreiben und die Romanfiguren zu umreißen, dank seines ausgeprägten Sinns für Details, die das Erzählte lebendig werden lassen, sowie durch sein Talent, die Außenwelt anhand der individuellen Psyche aufzuzeigen (der Autor verwendet hierfür vor allem die indirekte Rede), illustriert Yannis Beratis seinen Lesern die Lebensbedingungen der Menschen in Kriegszeiten.
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Terézia Mora
Terézia Mora wurde 1971 in Sopron, Ungarn geboren. 1990 zog sie nach Berlin und studierte an der dortigen Humboldtuniversität Hungarologie und Theaterwissenschaften. Außerdem wurde sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zur Drehbuchautorin ausgebildet. Seit 1998 arbeitet Terézia Mora als freie Autorin und Übersetzerin. Sie hat zahlreiche Werke aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt. Terézia Mora hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen für ihr Werk erhalten, u.a. den Ingeborg Bachmann Preis. Der einzige Mann auf dem Kontinent heißt ihr zuletzt erschienener Roman.
Terézia Mora empfiehlt folgende Werke:
Tibor Déry, Szerelem (Liebe, Kurzgeschichte), Hungarian National Heritage Holding presented by Budapest: HoFra, 1956. Übersetzt ins Bulgarische, Deutsche, Englische, Französische (erscheint demnächst), Hebräische, Polnische, Serbokroatische und Tschechische (Übersetzungsrechte Spanisch reserviert).
Géza Csáth (1887-1919), Mesék, amelyek rosszul végzödnek (Märchen, die ein böses Ende nehmen, Gesamtausgabe Erzählungen). Übersetzung einzelner Kurzgeschichten ins Bulgarische, Deutsche, Englische, Estnische, Französische, Italienische, Serbische, Spanische, Slowakische und Vietnamesische.
Dieter Forte, Tetralogie der Erinnerung: Das Muster, Tagundnachtgleiche, In der Erinnerung (Trilogie: Das Haus auf meinen Schultern) & Auf der anderen Seite der Welt, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2010. “Das Muster” übersetzt ins Polnische, “Tagundnachtgleiche” ins Französische, Trilogie “Das Haus auf meinen Schultern” ins Türkische.
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Nach den vielen „erstklassig zweitklassigen“ ungarischen Schriftstellern, die in letzter Zeit fürs deutsche Lesepublikum entdeckt worden sind, würde ich mich über die Wiederentdeckung einiger erstklassig Erstklassigen freuen.
Von Tibor Déry und Gézy Csáth gibt es zwar deutsche Übersetzungen, diese sind aber fast ausschließlich in der DDR erschienen, und sind heute nur mehr antiquarisch zu erwerben.
Tibor Déry: Liebe (Erzählung)
Ungarn, 60er Jahre des 20sten Jahrhunderts. B., ein politischer Gefangener, wird nach 7 Jahren Gefängnis, davon 1,5 Jahre in der Todeszelle, ohne Angabe von Gründen freigelassen und kehrt zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn zurück, die inzwischen im Elend leben, aber wenigstens ist die Liebe der Frau zu ihm nicht erloschen.
Generell sollte man Déry wieder entdecken: sein Debütroman „Der unvollendete Satz“, 1957 in Ungarn erschienen, liefert, durch die Suche Lörinc Parcen-Nagy, den Sohn eines korrupten Direktors, nach Orientierung im Leben, in der Geschichte, in der Politik, einen Blick auf das Ungarn zwischen den beiden Weltkriegen.
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Nur ein Beispiel: Zwei Jungen verlieren früh ihren Vater, fangen an, Tiere zu quälen und töten schließlich ihre Mutter beim Versuch, ihren Schmuck zu stehlen, den sie als Zahlungsmittel für erotische Abenteuer mit einem jungen Mädchen brauchen.
Csáths Prosa ist berührt von Wahn, Erotik, Aggression – seine Ansichten sind aufwühlend und manchmal Widerstand provozierend, doch seine Beobachtungen muss man meist mit einem „ja, so sind wir“ bestätigen.
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Eine italienisch-französische Seidenweberfamilie, eine polnische Bergarbeiterfamilie, im Ruhrgebiet der 20er Jahre aufeinandertreffend. Die Nazi-Zeit, der Weltkrieg, und schließlich die Zeit des sogenannten „Wirtschaftswunders“ der 50er Jahre, zuletzt erzählt aus der Perspektive eines jungen Mannes, keines Opfers, sondern eines Überlebenden. Die Trilogie „Das Haus auf meiner Schulter“ ergänzt um den Roman „Auf der anderen Seite der Welt“ ergibt einen großen Epochenroman.
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Sofi Oksanen
Sofi Oksanen ist eine junge Autorin aus Finnland. Ihr Vater ist Finne, ihre Mutter stammt aus Estland. Sofi Oksanen hat drei Romane und eine Essaysammlung veröffentlicht. Einer ihrer Romane, ursprünglich ein Theaterstück, ist ein internationaler Bestseller geworden - Fegefeuer. Fast alle ihre Arbeiten werden momentan in mehrere Sprachen übersetzt. Die Autorin hat zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, u. a. den renommierten Finlandia Prize.
Sofi Oksanen empfiehlt folgende Werke:
Asko Sahlberg, Höyhen (The Feather), Helsinki: WSOY, 2002. Übersetzung ins Tschechische.Arto Salminen, Lahti (The Slaughter), Helsinki: WSOY, 2004. Keine Übersetzung.
Mirkka Rekola, Kuka lukee kanssasi? (Who Reads With You?), Helsinki: WSOY, 1990. Übersetzung ins Englische und Schwedische.
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Arto Salminen (1959-2005) ist einer der viel zu früh verstorbenen Autoren der zeitgenössischen finnischen Literatur am Anfang des 21. Jahrhunderts. Sein Roman Lahti (The Slaughter, 2005) ist leider auch sein letztes Werk, Arto Salminen starb, als man auch im Ausland auf ihn aufmerksam wurde. Grausam und zugleich poetisch erzählt der Roman über zwei voneinander getrennte Welten, in denen das Schlachten bis zum Äußersten getrieben wird. So liest man einerseits von Soldaten, die auf ausgewachsene Schweine schießen, um diese anschließend zu pflegen, die Armee will mit dieser Methode die Kosten und Logistikleistungen im Falle eines Krieges oder eines Terrorangriffs berechnen. Die zweite Geschichte handelt von einem altmodischen Unternehmer, dessen kleines Geschäft von den großen Handelsketten zugrunde gerichtet wird. Salminen ist erbarmungslos bei der Wahl seiner Themen und Geschichten, seine Beschreibungen der Opfer dieses ununterbrochenen Schlachtens sind jedoch immer voller Zärtlichkeit.
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Asko Sahlberg (born in 1964) verwendet gerne kurze prägnante Sätze, die Fiktion wird den Lesern anhand der starken sinnlichen Erfahrungen der Protagonisten zugänglich gemacht. Der kurze Roman Höyhen (The Feather) beschreibt auf eindringliche Art die Gedankenwelt eines geistig zurückgebliebenen jungen Mannes, der in einer Anstalt lebt. Licht, Bewegungen, Dinge werden von ihm wahrgenommen, dies wird in einer schlichten, aber zugleich poetischen Weise beschrieben. Erinnerungen an seine Kindheit, an seine Familie, veranlassen den Leser über die Gründe für die Trennung von seinen Angehörigen nachzudenken, ebenso über seine Gefühle, auch wenn weder er noch der Leser die entsprechenden Worte dafür finden. Und was sollen wir von der grausamen Behandlung in der Anstalt denken? Spürt der junge Mann diese Grausamkeit auf die gleiche Art wie wir, die Leser?
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Mirkka Rekola (geb. 1931) ist eine der größten Dichterinnen der finnischsprachigen Poesie nach 1945, ihre Lyrik steht für Klarheit, Anmut und Sprachgefühl. Auf den ersten Blick erscheinen ihre Gedichte sehr einfach, aber will man sie in ihrer ganzen Tiefe verstehen, ergreift einen schnell ein leichtes Schwindelgefühl. Sie selbst sagt, sie "beschreibe die Welt nicht, sondern erschaffe sie mit jedem einzelnen Wort, jeder Silbe".
Die Gedichtsammlung Kuka lukee kanssasi? (Who Reads With You?) ist eine abgewandelte Version der Frage Who walks with you? In Mirkka Rekolas poetischem Universum können diese beiden Fragen nicht getrennt voneinander stehen: man geht Seite an Seite, man liest Seite an Seite, man erschafft zusammen eine Welt.
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Roman Simić
Roman Simić wurde 1972 in Zadar, Kroatien geboren. Er ist der Organisator und künstlerische Leiter des Festival of the European Short Story und Herausgeber der Reihe Anthologies of European Short Story. Seine eigene Kurzprosa erscheint in verschiedenen Anthologien und wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt. U što se zaljubljujemo (In was wir uns verlieben, Kurzgeschichten) erhielt 2005 den Jutarnji-List-Preis für das beste kroatische Prosawerk des Jahres. Roman Simić lebt in Kroatien und arbeitet als Lektor für den Verlag Profil.
Roman Simić empfiehlt folgende Werke:
Mirko Kovač, Kristalne rešetke (Crystal Grids), Zagreb: Fraktura, 1995/2004. Übersetzung ins Polnische, Serbische, Slowenische und Schwedische.
Olja Savičević Ivančević, Adio kauboju (Lebt wohl, Cowboys), Zagreb: Algoritam, 2010. Übersetzung ins Deutsche und Serbische (Rechte für die spanische und mazedonische Sprache verkauft).
Senko Karuza, Teško mi je reći (It’s Hard For Me To Say, Collected Stories), Zagreb: Profil, 2007. Übersetzung einzelner Geschichten ins Deutsche, Englische und Italienische.
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Adam Thirlwell
Adam Thirlwell wurde 1978 geboren und wuchs im Norden Londons auf. Er studierte Englisch am New College Oxford, von 2000 bis 2007 war er "prize fellow" am All Souls College Oxford. Sein erster Roman Politics (Strategie) erschien 2003. Weitere Werke sind Miss Herbert, ein Buch über die Literatur, das 2007 erschien und ein Jahr später den Somerset Maugham Award gewann. Sein zweiter Roman, The Escape, erschien 2010 in deutscher Übersetzung (Flüchtig). Adam Thirlwell hat mehrere Auszeichnungen für sein Werk erhalten.
Adam Thirlwell empfiehlt folgende Werke:
Gertrude Stein, Wars I Have Seen (Kriege, die ich gesehen habe), New York: Random House, 1945. Übersetzung ins Deutsche, Französische, Italienische und Spanische.
Elizabeth Bishop, Letters, New York: Farrar Straus & Giroux, 1994. Übersetzung ins Portugiesische (Brasilien).
Sir Thomas Browne (1605-1682), Das Gesamtwerk. Übersetzung einzelner Arbeiten ins Deutsche, Französische, Italienische, Japanische, Schwedische und Spanische.
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Mehr über "Gertrude Stein – Kriege, die ich gesehen habe"
Kriege, die ich gesehen habe ist eines der letzten Bücher Gertrude Steins. Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wurden 1945 herausgegeben. Aber da sie von Gertrude Stein geschrieben wurden, handelt es sich um keine klassischen Erinnerungen. Stein verbrachte den Krieg relativ sicher im Frankreich des Vichy-Regimes, gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Alice B Toklas: eine recht ungewöhnliche Situation, bedenkt man die Tatsache, dass beide Amerikanerinnen, lesbisch und Jüdinnen waren. Und so sind diese Erinnerungen auch ein wahres Meisterwerk des Ausweichens: nie wird erklärt, nicht ein einziges Mal, wie sie es geschafft haben, den Krieg in Frankreich zu überleben. Aber dieses Ausweichen macht auch die Größe des Buches aus. Die Erinnerungen analysieren, inwiefern ein Stil auch eine Form der Repression sein kann. Von den ersten Seiten an ist der Tod präsent:
‘I remember being very worried in reading, if anybody in the book dies and did not have children because then nobody in that family could be living yet, and if they were not living yet how could they hear what was happening.’
Oder anders ausgedrückt: es gibt eine Art kindliche Weigerung, die Realität ernst zu nehmen. Die dadurch entstehende Leichtsinnigkeit kann grausam wirken, so beispielsweise als sich Gertrude Stein fragt, welche Alternativen den Deportierten wohl bleiben – ‘they might amuse themselves by learning and reading German and they might amuse themselves by saying that they are going travelling as students…’ – gleichzeitig ermöglicht diese Leichtsinnigkeit es ihr, sich einem Thema zu nähern, an das sich sonst niemand heranwagen würde: die Konflikte der Kollaboration.
‘And now in June 1943 something very strange is happening, every day the feeling is strengthening that one or another has been or will be a traitor to something…’
Darum stellt dieses Buch für mich eines der großen Werke der Moderne dar – zu einem Zeitpunkt, als die Moderne sich zum Stil als amoralischen Wert bekennt. Und so schreibt sie:
‘Anybody can understand that there is no point in being realistic about here and now, no use at all not any, and so it is not the nineteenth but the twentieth century, there is no realism now, life is not real it is not earnest, it is strange which is an entirely different matter.’
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Mehr über "Elizabeth Bishop – Letters"
Elizabeth Bishop war eine der größten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Dies, werte Leser, ist unbestreitbar. Dabei gleicht sie so gar nicht dem herkömmlichen Bild, das man sich von einem großen Dichter macht: ein pures Ergebnis der Selbstbeherrschung. Aber genau diese Eigenartigkeit zeichnet sie aus: die Tatsache, dass Traurigkeit und Freude in ihrem Werk mit einem unglaublichen Feingefühl zum Vorschein kommen: so zum Beispiel die Schönheit ihres Gedichtes
‘Questions of Travel’, in dem die Traurigkeit eines ganzen Lebens in der elektrisierenden Dichte ihrer Beschreibungen deutlich wird: so ‘the fat brown bird / who sings above the broken gasoline pump / in a bamboo church of Jesuit baroque’.
Ihre Lyrik ist ein Wunder an Intimität. Und so sollte der eifrige Leser als Einführung in ihre Privatsphäre ihre Korrespondenz lesen, ausgewählte Briefe, herausgegeben von ihrem damaligen Verleger Robert Giroux unter dem Titel One Art.
Die Briefe gewähren dem Leser Einblick in eine zwiespältigere Lesart der verblüffenden Kunst Elizabeth Bishops: je mehr ein Satz mit minutiöser Exaktheit die Oberfläche des Alltäglichen festhält, desto mehr offenbart sich ein unerträglicher Verlust, ein Verlust, der umso schmerzhafter ist, da er ohne jegliche Sentimentalität aufgezeigt wird.
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Mehr über "Sir Thomas Browne – The Complete Works"
Im ersten Band ihrer Essays The Common Reader schreibt Virginia Woolf: ‘that growing consciousness of one’s self, that brooding in solitude over the mysteries of the soul, which, as the years went by, sought expression and found a champion in the sublime genius of Sir Thomas Browne. His immense egotism has paved the way for all psychological novelists, autobiographers, confession-mongers, and dealers in the curious shades of our private life. He it was who first turned from the contacts of men with men to their lonely life within.’ Sir Thomas Browne war Arzt und Antiquitätenhändler. Er lässt sich nur schwerlich als Schriftsteller bezeichnen. Thomas Browne wurde im Jahre 1605 geboren und veröffentlichte sein erstes Buch Religio Medici 1642, als der Englische Bürgerkrieg ausbrach. Er starb vierzig Jahre später, im Jahr 1682. Er widmete sein Leben der Medezin, dem ständigen Lernen. Und er war einer der außergewöhnlichsten Schriftsteller der Englischen Literatur. Eines seiner bekanntesten Werke heißt Urn-Burial, der vollständige Titel lautet jedoch Hydriotaphia: Urn-Burial oder A Brief Discourse of the Sepulchral Urns Lately Found in Norfolk. Man könnte denken, dass es sich hierbei um das Werk eines wahrhaft provinziellen Antiquitätenhändlers handelt, aber in Wahrheit zeigt es, wie antik alles ist - auch unsere modernsten Formen. Dies ist ein Aspekt seiner Originalität. Der andere ist seine Prosa. Ich kenne keine englischsprachige Prosa, die dem Lateinischen so stark ähnelt: ‘But who knows the fate of his bones, or how often he is to be buried? Who hath the oracle of his ashes, or whither they are to be scattered?’ Dominique Aury hat diesen Text unter dem Titel Les Urnes funéraires ins Französische übersetzt. Aber Browne verdient mehr. Er ist ein so ungewöhnlicher und präziser Autor, dass sein Gesamtwerk in möglichst viele Sprachen übersetzt werden sollte, so auch seine Briefe über die Straußenhaltung oder der Text The Garden of Cyrus, der so düstere Weisheiten wie diese enthält: ‘Life itself is but the shadow of death, and souls departed but the shadows of the living. All things fall under this name. The sun itself is but the dark simulacrum, and light but the shadow of God.’
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